Vogelschießen Einen tiefen Eindruck machte mir ein Erlebnis aus meinem siebenten oder achten Jahre. Heinrich Bräsch und ich hatten uns Schleudern aus Gummischnüren gemacht, mit denen man kleine Steine schleuderte. Es war im Frühjahr, in der Passionszeit. An einem Sonntagmorgen sagte er mir: “`Komm, jetzt gehen wir in den Rebberg und schießen Vögel.” Dieser Vorschlag war mir schrecklich, aber ich wagte nicht zu widersprechen, aus Angst, er könnte mich auslachen. So kamen wir in die Nähe eines kahlen Baumes, auf dem die Vögel, ohne sich vor uns zu fürchten, lieblich in den Morgen hinaussangen. Sich wie ein jagender Indianer duckend, legte mein Begleiter einen Kiesel in das Leder seiner Schleuder und spannte dieselbe. Seinem gebieterischen Blick gehorchend, tat ich unter furchtbaren Gewissensbissen dasselbe, mir fest gelobend, danebenzuschießen. In demselben Augenblicke fingen die Kirchenglocken an, in den Sonnenschein und in den Gesang der Vögel hineinzuläuten .Es war das “Zeichen -Läuten”, das dem Hauptläuten eine halbe Stunde voranging. Für mich war es eine Stimme aus dem Himmel. Ich tat die Schleuder weg, scheuchte die Vögel auf, daß sie wegflogen und vor der Schleuder meines Begleiters sicher waren, und floh nach Hause Und immer wieder, wenn die Glocken der Passionszeit in Sonnenschein und kahle Bäume hinausklingen, denke ich ergriffen und dankbar daran, wie sie mir damals das Gebot: “ Du sollst nicht töten” ins Herz geläutet haben. Von jenem Tage an habe ich gewagt, mich von der Menschenfurcht zu befreien. Wo meine innerste Überzeugung mit im Spiele war, gab ich jetzt auf die Meinung anderer weniger als vorher. Die Scheu vor dem Ausgelachtwerden durch die Kameraden suchte ich zu verlernen.   Gedichte lernen Unausstehlich waren mir vom ersten bis zum letzten Schuljahr die Stunden, in denen Gedichte "durchgenommen" wurden. Daß mir ein Gedicht nahegebracht werden sollte, indem man es erklärte, empfand ich als etwas Häßliches und Unsinniges. Mit dem, was man dazuredete, zerstörte man mir ja nur die Ergriffenheit, in die mich das Werk des Dichters versetzt hatte. An einem Gedicht, so meine ich auch heute noch, ist nichts zu erklären. Man muß es erleben. Darum war ich in diesen Stunden ein sehr unaufmerksamer, ja geradezu aufsässiger Schüler. Statt  dem Unterricht zu folgen, las ich im Schulbuche herum und berauschte mich, ohne Führer, an den Gedichten und Lesestücken, die mich darin besonders anzogen. Ich hatte das Gefühl, die Fensterläden gegen den Straßenlärm geschlossen zu haben. Homer ließ mich kalt. Vollends verekelte man ihn uns damit, daß man immer wissen sollte, wer die Eltern, Großeltern, Onkel, Tanten und Vettern der betreffenden Helden, Götter und Göttinnen gewesen. Genealogien und Verwandtschaften waren nie meine Sache.  Elternliebe Als eine besondere Güte unserer Eltern empfanden wir, daß sie uns erlaubten, von unseren Schulfreunden mit in die Ferien zu bringen, bis das Haus voll war. Wie meine Mutter die Arbeit, die wir ihr dadurch verursachten, bewältigen konnte, ist mir heute noch ein Rätsel. Der Gedanke, daß ich eine so einzigartig glückliche Jugend erleben durfte, beschäftigte mich fort und fort. Er rückte mich geradezu. Immer deutlicher trat die Frage ,vor mich, ob ich dieses Glück denn als etwas Selbstverständliches hinnehmen dürfe. So wurde die Frage nach dem Recht auf Glück das zweite große Erlebnis für mich. Als solches trat sie neben das andere, das mich schon von meiner Kindheit her begleitete, das Ergriffensein von dem Weh, das um uns herum in der Welt herrscht. Diese beiden Erlebnisse schoben sich langsam ineinander. Damit entschied sich meine Auffassung des Lebens und das Schicksal meines Lebens. Immer klarer wurde mir, daß ich nicht das innerliche Recht habe, meine glückliche Jugend, meine Gesundheit und meine Arbeitskraft als etwas Selbstverständliches hinzunehmen.... Wer viel Schönes im Leben erhalten hat, muß entsprechend viel dafür hingeben. Verrat  Gleich in meiner ersten Schulzeit mußte ich mit einem der schwersten Erlebnisse, die die Schule des Lebens für uns bereithält, fertig werden. Ein Freund verriet mich. Dies ging so zu. Als ich zum erstenmal das Wort «Krüppel» hörte, wußte ich nicht recht, was ich mir darunter vorstellen sollte. Es erschien mir geeignet, einem besonders starken Mißfallen Ausdruck zu geben. Als solches eignete ich es mir an. Die neu gekommene Lehrerin, Fräulein Goguel, hatte meine Gunst noch nicht erworben. Also wurde sie mit dem geheimnisvollen Worte bedacht. Darum, als ich mit meinem liebsten Kameraden die Kühe hütete, vertraute ich ihm mit geheimnisvoller Miene an: «Das Fräulein ist ein Krüppel. Aber du sagst es niemand.» Er versprach es. Kurze Zeit darauf hatten wir auf dem Wege zur Schule einen Disput miteinander. Auf der Treppe raunte er mir dann zu: «Gut, jetzt sag ich aber dem Fräulein, daß du es Krüppel geheißen hast.» Ich nahm die Drohung nicht ernst, denn ich hielt solchen Verrat nicht für möglich. In der Pause aber ging er wirklich ans Pult und meldete: «Fräulein, der Albert hat gesagt, daß du ein Krüppel bist.» Die Sache hatte keine Folgen, denn die Lehrerin verstand nicht, was die Anzeige bedeuten sollte. Ich aber konnte das Schreckliche nicht fassen. Das erste Erleben von Verrat schlug alles in Scherben, was ich bisher vom Leben gedacht und erwartet hatte. Ich brauchte Wochen, bis ich mich damit abgefunden hatte. Nun war ich wissend geworden über das Leben. Ich trug die bittere Wunde an mir, die es uns allen schlägt und die es durch immer neue Streiche offenhält. Von den Streichen, die ich seitdem empfangen habe, waren manche schwerer als der erste. Aber so geschmerzt wie jener hat keiner. Ein Jude  Auf das erste Zusammentreffen mit einem Bücherschreiber folgte bald ein zweites, noch größeres Erlebnis. Ein Jude aus einem Nachbardorfe, Mausche genannt, der Vieh- und Länderhandel trieb, kam mit seinem Eselskarren zuweilen durch Günsbach. Da bei uns damals keine Juden wohnten, war dies jedesmal ein Ereignis für die Dorfjungen. Sie liefen ihm nach und verspotteten ihn. Um zu bekunden, daß ich anfing, mich als erwachsen zu fühlen, konnte ich nicht anders, als eines Tages auch mitzumachen, obwohl ich eigentlich nicht verstand, was das sollte. So lief ich mit den andern hinter ihm und seinem Esel her und schrie wie sie <<Mausche! Mausche!> Die Mutigsten falteten den Zipfel ihrer Schürze oder ihrer Jacke zu einem Schweinsohr zusammen und sprangen damit bis nahe an ihn heran. So verfolgten wir ihn vors Dorf hinaus bis an die Brücke. Mausche aber, mit seinen Sommersprossen und dem grauen Bart, ging so gelassen fürbaß wie sein Esel. Nur manchmal drehte er sich um und lächelte verlegen und gütig zu uns zurück. Dieses Lächeln überwältigte mich. Von Mausche habe ich zum ersten Male gelernt, was es heißt, in Verfolgung stilleschweigen. Er ist ein großer Erzieher für mich geworden. Von da an grüßte ich ihn ehrerbietig. Später, als Gymnasiast, nahm ich die Gewohnheit an, ihm die Hand zu geben und ein Stückchen Wegs mit ihm zu gehen. Aber nie hat er erfahren, was er für mich bedeutete. Es ging das Gerücht, er sei ein Wucherer und Güterzerstückler. Ich habe es nie nachgeprüft. Für mich ist er der Mausche mit dem verzeihenden Lächeln geblieben, der mich noch heute zur Geduld zwingt, wo ich zürnen und toben möchte.