Albert Schweitzer -Menschenfreund und Rebell
Vortrag am 4. September 2000 in der Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, dem 35. Todestag von Albert
Schweitzer
von Pfr. Peter Niederstein
Gestern Abend, als ich den Vortrag nochmals bedachte, fiel mir ein: Da war doch noch etwas. Ich blätterte in meinem
Buch "Schnittpunkte - Albert Schweitzer mit der Seele suchend" und las darin: "im Günsbacher Archiv
fand ich einen Brief, den Albert Schweitzer aus Lambarene am 10. Februar 1965 an den regierenden
Bürgermeister von Berlin, Willy Brandt, geschrieben hatte. Darin hieß es: "In meiner Jugend war ich oft
in Berlin, zum ersten Mal, als ich im Sommersemester 1899 dort studierte ... Da der Organist der
Kaiser-WilhelmKirche erkrankte, war ich den ganzen Sommer der Organist dieser Kirche." Bereits 1905
hatte er in einem Schreiben an den Direktor der Pariser Mission, Alfred Boegner, in dem er seine
Dienste als Missionar anbot, betont: "Vielleicht haben Sie in letzter Zeit meinen Namen in einer Zeitung
oder einer Zeitschrift gelesen, denn man hat viel von meinem im Februar erschienenen Bach-Buch
gesprochen. Ich vergaß, Ihnen zu sagen, dass ich auch Künstler bin."
1905 war Schweitzers französisches Bachbuch erschienen. Seit 1906 schuf er an seinem deutschen
Bachwerk. Dazu schrieb er am 25. August 1907 in einem Brief von Mulegns (die romanische
Bezeichnung für Mühlen im schweizerischen Kanton Graubünden) aus an seinen Verleger: Er arbeite an
der Fertigstellung des "letzten Drittels der deutschen Bearbeitung des Bach, der seiner definitiven
Vollendung nahe ist ... Ich verspreche Ihnen das Manuskript auf die ersten Tage der nächsten Woche,
der ersten Septemberwoche." Einen Tag später, am 26. August 1907, bemerkte er in einem Brief an
seine Freundin und spätere Frau Helene Bresslau, ebenfalls von Mulegns aus: "Es ist 6 Uhr abends.
Man ist spazieren gegangen, und ich bin allein zu Hause geblieben um zu arbeiten ... Mühlen ist schön,
aber es liegt zu tief im Tal und ist zu laut durch drei große Bäche, die unter meinem Fenster
zusammenfliessen. Die Arbeit geht voran. Mittwoch (28.8.) bekommen Sie zwei Kapitel über die
musikalische Sprache. Bitte schicken Sie sie mir vor Ende der Woche zurück. Sie müssen am 2.
September in der Druckerei sein!" - Solch rascher Postverbindungen am Anfang unseres Jahrhunderts
kann man am Ende desselben nur noch nachweinen. "Bach", so fasst es Schweitzer in "Aus meinem
Leben und Denken" zusammen, verfügt geradezu über eine Tonsprache ... Sie wendet sich an die
schöpferische Phantasie des Hörers ... was seinem Wesen nach dichterische und bildliche Musik ist,
stellt sich als Klang gewordene Gotik dar ... Eine Seele, die sich aus der Unruhe der Welt nach Frieden
sehnt und Frieden schon gekostet hat, lässt darin andere an ihrem Erlebnis teilhaben." Bach wird "mit
dazu helfen, dass unsere Zeit zur geistigen Sammlung und Innerlichkeit komme, die ihr so not tun". Mit
diesen Worten schloss Albert Schweitzer sein Buch "J. S. Bach".
Unter Albert Schweitzers Händen erklang nicht nur klassische Musik. Robert Minder (1902-1980), ein
ebenfalls gebürtiger Elsässer, lehrte später Germanistik an der Sorbonne und dem Lollege de France in
Paris, hatte in seiner Jugend 1919 Klavierunterricht bei Schweitzer. Davon erzählte er: "Zum Abschluss
spielten wir als rhythmische Übung vierhändige Ouvertüren komischer Opern und Operetten ...
Schließlich hielt er es für angebracht, dass ich noch ein paar Stücke lernte - auswendig, wie die
übrigen, - deren zweifelhaftes Niveau er nicht in Frage stellte, die aber, wie er meinte, den älteren
Verwandten und Bekannten vielleicht mehr zusagen würden als Bach und Beethoven."
In Günsbach berichtete mir Antje Bultmann Lemke, Schweitzer habe auch Jazz auf dem Klavier in
Lambarene gespielt, unter anderem zur Freude seiner amerikanischen Fotografin Erica Anderson. -In
den 20er Jahren wurde in Deutschland Jazz als "synkopierte Sünde" bezeichnet, wie es spöttisch im
Kommentar auf einer Schallplatte heißt. Walter Munz, der nach Schweitzers Tod im Jahr 1965 dessen
ärztlicher Nachfolger im Lambarene-Spital wurde, erlebt den alten musizierenden Doktor so: "Beim
Anhören seines Spiels war ich manchmal gerührt, wenn Schweitzer nach klaren Tonleitern und ersten,
großartig durchgeführten Melodien plötzlich leise und zart wurde und sich in den Klängen so anmutig
bewegte, als dächte er an ein Kind oder an eine Blume im Aufgehen. Im Halbdunkel saß er am Klavier,
langsam um sich schauend und über sich, als würde er seine Melodien irgendwo ablesen. Von Zeit zu
Zeit bewegte er seine Füße, als säße er an der Orgel."