Albert Schweitzer schreibt:
Ich wurde am 14. Januar 1875 in dem Städtchen Kaysersberg im Ober-Elsaß geboren, in
dem Häuschen mit dem Türmchen links am oberen Ausgang des Ortes. Mein Vater
bewohnte es als Pfarrverweser und als Lehrer der kleinen evangelischen Gemeinde des
zum größten Teile
Ich folgte als das zweite Kind auf eine um ein Jahr ältere Schwester.
Ein halbes Jahr nach meiner Geburt siedelte mein Vater als Pfarrer nach Günsbach im
Münstertal über. Meine Mutter war eine Münstertälerin. Sie war die Tochter des Pfarrers
Schillinger zu Mühlbach, hinten im Tal.
Als wir nach Günsbach kamen, war ich ein sehr schwächliches Kind.
Im Pfarrhause von Günsbach verlebte ich mit drei Schwe
stern und einem Bruder eine schöne Kindheit. Ein
sechstes Kind, ein Mädchen, Emma genannt, wurde
meinen Eltern durch einen frühen Tod entrissen.
Schon vor meiner Schulzeit hatte mein Vater begonnen,
mich auf einem alten Tafelklavier in Musik zu
unterrichten. Von Noten spielte ich nicht viel ab. Meine
Freude war, zu improvisieren und Lieder und
Choralmelodien mit selbst erfundener Begleitung
wiederzugeben. Als nun in der Gesangstunde die
Lehrerin fortgesetzt den Choral Note für Note ohne
Begleitung anschlug, empfand ich dies als nicht schön
und frug sie in der Pause, warum sie ihn nicht richtig mit
Begleitung spiele. Im Eifer setzte ich mich an das
Harmonium und spielte ihr ihn schlecht und recht
mehrstimmig aus dem Kopfe vor. Da wurde sie sehr
freundlich zu mir, und schaute mich merkwürdig an.
Aber selber tippte sie den Choral auch weiterhin immer nur mit einem Finger. Da ging mir
auf, daß ich etwas konnte, was sie nicht konnte, und ich ~chämte mich, ihr mein Können,
das ich für etwas ganz Selbstverständliches angesehen hatte, vorgemacht zu haben.
Im übrigen war ich ein stiller und verträumter Schüler, der Lesen und Schreiben nicht
ohne Mühe erlernte. .
Die Liebe zur Musik und besonders zur Orgel
Als ich fünf Jahre alt war, begann mein Vater mich auf dem alten, vom Großvater
Schillingei stammenden Tafelklavier zu unterrichten. Er besaß keine große Technik,
aber improvisierte sehr schön. Mit sieben. Jahren überraschte ich die Lehrerin in der
Schule damit, daß ich ihr auf dem Harmonium Choralmelodien mit selbsterfundenen
Harmonien vortrug. Mit acht Jahren, kaum daß die Füße lang genug waren, um die
Pedaltasten zu erreichen, begann ich, Orgel zu spielen. Die Leidenschaft für die Orgel
hatte ich von meinem Großvater Schillinger geerbt, der sich viel mit Orgel und Orgelbau
beschäftigte und, wie mir meine Mutter berichtete, ausgezeichnet improvisiert haben soll.
Kam er in irgendeine Stadt, so suchte er vor allem ihre Orgeln kennenzulernen. Als die
berühmte Orgel in der Stiftskirche zu Luzern aufgestellt wurde, begab er sich dorthin, um
den Erbauer an der Arbeit zu sehen.
Neun Jahre alt, durfte ich zum ersten Male den Organisten im Gottesdienst vertreten.
Der Besuch der Dorfschule
Bis zum Herbst 1884 besuchte ich die Dorfschule zu Günsbach. Nachher kam ich auf ein
Jahr auf die «Realschule» (das heißt eine höhere Schule ohne Unterricht in alten
Sprachen) zu Münster, wo ich mich durch Privatstunden in Latein auf die Quinta des
Gymnasiums vorbereitete. Im Herbst 1885 bezog ich das Gymnasium zu Mülhausen im
Elsaß. Mein Taufpate Ludwig Schweitzer, ein Halbbruder meines Großvaters, Direktor der
dortigen Volksschulen, hatte die Güte, mich bei sich aufzunehmen. Anders wäre es
meinem Vater, der zum Unterhalt seiner großen Familie nur über sein bescheidenes
Pfarrergehalt verfügte, kaum möglich gewesen, mich auf das Gymnasium zu tun. Die
strenge Zucht, in die ich bei diesem Großonkel und seiner Frau -sie waren kinderloskam,
hat mir sehr wohlgetan. In tiefer Dankbarkeit gedenke ich stets an alles Gute, das ich von
ihnen empfing.
Obwohl ich Lesen und Schreiben nicht ohne Mühe gelernt hatte, war ich auf der
Dorfschule und der Realschule leidlich mitgekommen. Auf dem Gymnasium aber war ich
zunächst ein schlechter Schüler. Das lag nicht
nur an meiner Trägheit und Verträumtheit, sondern auch daran, daß ich durch die
Privatstunden in Latein nur ungenügend auf die Quinta, in die ich eintrat, vorbereitet war.
Erst als mich mein Klassenlehrer in Quarta, Dr. Wehmann, zum richtigen Arbeiten erzog
und mir einiges Selbstvertrauen gab, wurde es besser. Vor allem aber wirkte dieser
Lehrer dadurch auf mich, daß ich gleich in den ersten Tagen seines Unterrichts inne
wurde, daß er jede Stunde auf das sorgfältigste vorbereitet hatte. Er wurde mir zum
Vorbild der Pflichterfüllung. Später habe ich ihn
immer und immer wieder besucht. Als ich gegen
Ende des Krieges nach Straßburg kam, wo er
zuletzt wohnte, und alsbald nach ihm fragte, erfuhr
ich, daß er durch das Hungern nervenkrank
geworden sei und sich das Leben genommen habe.
In Sprachen und Mathematik wußte ich mich
anstrengen, um etwas zu leisten. Mit der Zeit aber
reizte es mich, dasjenige zu bewältigen, wozu ich
keine besondere Anlage hatte. So gehörte ich in
den oberen Klassen zu den besseren, wenn auch
nicht zu den besten Schülern. Im Aufsatze aber war
ich, wenn ich mich recht erinnere, gewöhnlich der
Erste.
In Prima hatten wir den ausgezeichneten Direktor
des Gymnasiums - Wilhelm Deecke aus Lübeck - in
Latein und Griechisch. Er unterrichtete nicht als
trockener Philologe, sondern machte uns mit der
antiken Philosophie bekannt, wobei er uns zugleich
Ausblicke auf das neuere Denken tun ließ. Er war
ein begeisterter Anhänger Schopenhauers.
Am 18. Juni 1893 bestand ich die Abgangsprüfung.
Im Schriftlichen hatte ich nicht besonders gut abgeschnitten, selbst im Aufsatze nicht. Im
Mündlichen aber erregte ich die Aufmerksamkeit des Vorsitzenden der
Prüfungskommission - es war Oberschulrat Dr. Albrecht aus Straßburg - durch Kenntnisse
und Urteil in Geschichte. Ein von ihm beantragtes und mit Begründung begleitetes «Recht
gut» in Geschichte ziert mein sonst ziemlich mittelmäßiges Reifezeugnis.
Im Oktober dieses Jahres ermöglichte es mir die Freigebigkeit des in Paris als Kaufmann
ansässigen älteren Bruders meines Vaters, den Orgelunterricht des Pariser Orgelmeisters
Charles Marie Widor zu genießen. Mein Mülhauser Lehrer hatte mich so gut vorgebildet,
daß mich Widor, nachdem ich ihm vorgespielt hatte, als Schüler annahm, obwohl er sonst
seine Tätigkeit auf die Angehörigen der Orgelklasse des Konservatoriums beschränkte.
Dieser Unterricht war für mich von entscheidender Bedeutung. Widor leitete mich an,
meine Technik zu vertiefen und vollendete Plastik des Spiels zu erstreben. Zugleich ging
mir bei ihm die Bedeutung des Architektonischen in der Musik auf.
Ende Oktober 1893 bezog ich die Universität Straßburg. Ich wohnte in dem theologischen
Studienstift (Collegium Wilhelmitanum) zu St. Thomas, dessen Leiter der gelehrte Pfarrer
Alfred Erichson war. Zur Zeit war er gerade mit der Vollendung der großen Ausgabe der
Werke Calvins beschäftigt.
Die Straßburger Universität stand damals in voller Blüte. Durch keine Traditionen
gehemmt, suchten Lehrer und Studierende miteinander das Ideal einer neuzeitlichen
Hochschule zu verwirklichen. Bejahrte Professoren gab es fast keine in dem Lehrkörper.
Ein frischer, jugendlicher Zug ging durch das Ganze.
Ich hörte zugleich in der theologischen und in der philosophischen Fakultät. Da ich auf
dem Gymnasium nur die Anfänge des Hebräischen gelernt hatte, wurde mir das erste
Semester durch die Arbeit auf das «Hebraicum» (das Vorexamen in Hebräisch) hin
verdorben, das ich am 17. Februar 1894 mit Mühe und Not bestand. Später, wieder durch
das Bestreben angespornt, auch das mir nicht Liegende zu bewältigen, eignete ich mir
dann gediegene Kenntnisse in dieser Sprache an.
Die Sorge um das Hebraicum hinderte mich nicht, mit Eifer bei Heinrich Julius Holtzmann
ein Kolleg über die Synoptiker - das heißt über die drei ersten Evangelien - und bei
Wilhelm Windelband und Theobald Ziegler Geschichte der Philosophie zu hören.
Vom 1. April 1894 an diente ich mein Militärjahr ab. Die Güte meines Hauptmanns - er
hieß Krull - ermöglichte es mir, bei gewöhnlichem Dienstbetrieb fast regelmäßig um 11
Uhr auf der Universität zu sein und Windelband zu hören.
Als es im Herbst 1894 in die Gegend von Hochfelden (Unterelsaß) ins Manöver ging,
packte ich mein griechisches Testament in den Tornister.