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Während eines Besuches bei unseren Verwandten in Rudolstadt/Th. im Jahre 1960 schenkte mir mein Vater das erste Buch über Glocken „Friede sei ihr erst Geläute“ zusammengestellt vom damaligen Superintendenten Fritz Schilling in Sonneberg. In diesem Buch aus dem Jahre 1957 ist auch ein Beitrag von Albert Schweitzer enthalten: „Du sollst nicht töten“. Schon als Kind hatte er für sich selbst ein Gebet verfasst „Lieber Gott. Schütze und segne alles, was Odem hat, bewahre es vor allem Übel und laß es ruhig schlafen!“
Aber vielleicht muß ich hier etwas weiter ausholen. Mein Vater hat mir eine Familienchronik hinterlassen, in der unsere Vorfahren bis in das Jahr 1788 zurück nachweisbar sind, und zwar in Pudewitz zwischen Posen und Gnesen. Mein Vater schrieb: „Unsere Vorfahren waren immer Deutsche, aber sie lebten in Polen. Und sie kamen gut miteinander aus. Was mag wohl innerlich in den Polen vorgegangen sein, als sie 1795 ihre Nationalität verloren und unter Preußen, Osterreich und Russland aufgeteilt wurden.“
Nach dem 1. Weltkrieg war es den Deutschen in Großpolen freigestellt, die Heimat zu verlassen oder zu bleiben. Ein Teil meiner Vorfahren entschied sich für die Heimat. Sie wurden nun Polen und damit katholisch. Der andere Teil, so auch meine Großeltern, siedelte nach Schlesien um. Mein Vater wurde später Pfarrer im Kreis Trebnitz und war durch die Ereignisse im Frühjahr 1945 nach Liegnitz gekommen. Seite letzten Gottesdienste hielt er in der Liebfrauenkirche in Liegnitz im Herbst 1947. Die nach der Glockenabnahme 1941 als einzige verbliebene Glocke aus dem Jahre 1626 läutet heute noch. Ich hörte sie am 2. Juli 2006, als ich den Gottesdienst an der Orgel begleitete, an der meine Mutter von 1945 bis 1947 Dienst tat. - Mein Vater war einer der letzten deutschen evangelischen Pfarrer in Schlesien. In seinen Aufzeichnungen finde ich keine Verbitterung über diese Zeit. Ganz im Gegenteil: Er schrieb, dass die Jahre 1945 bis 1947 zu den schönsten seines Lebens zählten, sich immer in Gottes Hand wissend und auf Ihn vertrauend, auch wenn es manchmal nach menschlichem Ermessen nicht mehr weiterging.
Nach meiner Geburt im Jahre 1948 in Görlitz zogen meine Eltern bald nach Mitteldeutschland. Der frühere Superintendent meines Vaters aus Trebnitz war bereits 1945 nach Sangerhausen umgesiedelt und holte meinen Vater 1949 nach Riestedt, einem Nachbarort, nach. Bedingt durch seinen Beruf war es für meinen Vater selbstverständlich, neben dem Pfarramt auf dem Gebiet der inneren und äußeren Mission weiterzuarbeiten. In Riestedt läutete ich als 6jähriger bereits die „Abendglocke“. Das Eisenhartgussgeläut aus dem Jahre 1926 wurde 2002 durch ein Bronzegeläut aus der Kunst- und Glockengießerei Lauchhammer ersetzt.
1959 zogen wir nach Aschersleben und hier wurden entscheidende Weichen für mein weiteres Leben gestellt. Ein großes Erlebnis war die Aufführung des „Albert-Schweitzer-Filmes“ in unserer St.-Johannis-Kirche. Dafür war natürlich auch eine Werbung mit entsprechenden Plakaten erforderlich. Nun war dieses zu DDR-Zeiten gar nicht so einfach. Fast schüchtern ging ich zum Direktor unserer Thomas-Müntzer-Oberschule (Thomas Müntzer war Lateinlehrer in Aschersleben), Herrn Dr. Fritz Blume und fragte ihn, ob er ein Plakat in der „Penne“ aushängen lassen würde. Er antwortete mir, dass das für ihn eine Selbstverständlichkeit ist, da er das humanistische Anliegen Albert Schweitzers kannte. Wie Dr. Blume hatte auch mein damaliger Klassenlehrer Günter Schmidt Anteil an meiner Entwicklung und Einstellung zum Humanismus. Es war eine Zeit in den 60ern, in der vieles möglich war, was schon einige Jahre später undenkbar war.. Ich hatte keinerlei Probleme wegen des Berufes meines Vaters. Wenige Jahre später war vieles anders. So wurde auch das Lehrpersonal der „Penne“ durch andere „linientreuere“ Genossen ersetzt. Es gibt auch Stimmen, die sagen, dass in Aschersleben aufgrund des humanistischen Erbes andere Verhältnisse herrschten als anderswo in der DDR.
Für meine persönliche Entwicklung war besonders meine musikalische Ausbildung wichtig. Den Klavierunterricht bei einem Kantor, der versuchte, mir das Abspielen von aller möglicher oder unmöglicher Literatur beizubringen, verließ ich, da ich schon als 14jähriger erkannte, dass dieses nicht meiner Entwicklung diente. Mein Vater ermöglichte es mir daraufhin, Klavier- und Orgelunterricht bei Herrn Kirchenmusikdirektor Erich Schroeter, der an unserer St.-Stephani-Kirche tätig war, zu erhalten. Herr KMD Schroeter war Dozent an der Kirchenmusikschule Aschersleben/Halle und erkannte schnell, dass ich lieber meinen eigenen Stil spielte, als vergangene Kunst zu kopieren. So legte er nach einigen Klavierstunden den Schwerpunkt auf meine Ausbildung an der Orgel. Ausbildungsschwerpunkte waren Harmonielehre und Gehörbildung. Er brachte mir bei, auch bei „stummer Orgel“ zu „hören“, was ich spiele. – Ich habe schon damals gemerkt, dass jede Begabung ein Geschenk Gottes ist.
Herr KMD Schroeter wurde am 23.9.1900 in Strasbourg/Elsaß geboren. Er war zeitweise Schüler von Albert Schweitzer. Er erzählte mir oft davon. Nach dem 1. Weltkrieg kam Erich Schroeter im Zuge der Ausweisung der Deutschen aus dem Elsaß nach Halle. Er war Organist an St. Ulrich und der Synagoge in Halle. 1926 – 70 war er Dozent an der Kirchenmusikschule Aschersleben/Halle, seit 1939 als Kirchenmusikdirektor..
Ich weiß, dass ich dem Schüler Albert Schweitzers alles auf musikalischem Gebiet verdanke.
Seit 1994 bin ich in Lauchhammer in der Kunst- und Glockengießerei tätig. Lauchhammer liegt in der Kirchenprovinz Sachsen und im Bistum Magdeburg, also im Gebiet meiner beiden „Heimatkirchen“. Politisch gehört Lauchhammer seit 1990 zum Land Brandenburg. Ein seit meiner Kindheit gehegter Berufswunsch ging so in Erfüllung. Anfang der 70er Jahre hatte ich bei der Glockengießerei Schilling in Apolda angefragt, ob ich dort eine Tätigkeit aufnehmen könnte. Aber damals war diese Firma bereits enteignet und in „Staatseigentum“ überführt. Welch Skrupellosigkeit eines totalitären Systems, gerade eine Firma, die ein christliches Handwerk betrieb, in Staatseigentum zu überführen. Die Verbindung zu Albert Schweitzer wurde wieder hergestellt, als sich Herr Alfred Ullmann, Mitglied des Albert-Schweitzer-Freundeskreises, an die Kunst- und Glockengießerei Lauchhammer wandte, ob denn nicht eine Glocke preisgünstig für das „Dorf des Lichtes“ erworben werden könnte. Die Eisenhartgussglocke von 1959 aus Morgenröthe-Rautenkranz war gesprungen und sollte ersetzt werden. Wir hatten eine Glocke, die in einem unserer Versuchsprogramme entstanden war, in einwandfreier Innenharmonie zur Verfügung. – Es ist ein großes Geschenk und eine Anerkennung für unsere Lauchhammeraner Glockengießer Jürgen Gensel und Andreas Noack, dass die Glocke nun im „Dorf des Lichtes“ läuten darf.
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